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Treue

by admin on August 2nd, 2010

            Natalia:            Peter, weißt du noch damals, als wir uns kennen lernten?

            Peter:   Ja, Natalia. Ich kann mich noch genau daran erinnern. Es ist ja gar nicht lange her.

            Natalia:            Damals schien alles so wunderbar zu sein. Und jetzt der Krieg, wir wollten doch für immer zusammenbleiben, und nun mußt du morgen schon weg.

            Peter:   Ja, doch ich komme wieder. Es wird nicht lange dauern, dann ist der Krieg vorbei, dann wird alles wieder gut. Dann werden wir jeden Tag zusammen verleben.

            Natalia:            Ach, daß du doch Recht hättest Peter.

            Sprecher:         Am nächsten Morgen mußten Peter und Natalia von einander Abschied nehmen. So manche Abschiedsträne ist geflossen. Doch für Peter hieß es nun an die Front. Peter war ein guter Soldat und brachte es während des Krieges zum Major. Aus den Briefen Natalias erfuhr er, daß er nun Vater war.

            Peter:   Heinz, guck mal, ich habe hier ein Foto von meiner Tochter.

            Heinz:   (ist ein Soldat) Sie ähnelt ganz Ihnen, Herr Major. Darf ich wissen wie sie heißt?

            Peter:   Sie heißt Swetlana. Swetlana – ja meine Swetlana. Heinz, was meinst du, ist meine Natalia stolz auf mich? Sie wird sich bestimmt freuen wenn ich mit allen meinen Orden nach Hause komme.

            Heinz:   Jawohl, Herr Major, bestimmt.

            Peter:   Heinz, der Krieg wird nicht mehr lange dauern. Die Vorbereitungen für den Angriff auf Berlin laufen schon. Bald hat der Krieg ein Ende, dann geht es wieder nach Hause. Es ist schon sehr lange her als ich Natalia zum letzten mal gesehen habe. Ich kann es garnicht abwarten sie wiederzusehen und meine kleine Swetlana auf die Arme zu nehmen.

            Sprecher:         Doch sollte sich sein Wunsch nicht erfüllen! – Es schien eine der gewöhnlichen Frontnächte zu sein, aber in Peters Leben wurde dies eine besondere Nacht. Unerwartet begann ein Massenbeschuß! Die Erde bebte vor Explosionen! Wieder, und wieder hörte man das erbärmliche Schreien von verwundeten Soldaten. Am Morgen gelang es die Stellung der Feinde zu durchbrechen und sie einige Kilometer zurückzuschlagen.

            Heinz:   Das ist doch der Mantel des Majors! Hier sind ja auch seine Papiere. Sie sind von Bombensplittern zerfetzt und haben gebrannt. Die Trümmer werden ihn begraben haben.

            Sprecher:         Aufgrund der gefundenen Papiere hieß es, der Major sein gefallen. Einige Tage später kam eine Abordung Soldaten auf diese Stelle. Nachdem sie ein Geschütz abgegraben hatten sahen sie den Major. Er war noch am Leben, doch hatte er viel Blut verloren. Schnell wurde dem Hospital Verbindung aufgenommen. Noch ohnmächtig wurde der Major ins Hospital eingeliefert. Tatsächlich gelang es sein Leben zu retten. Doch blieb Peter ohne Füße.

            Peter:   Natalia hat also die Nachricht erhalten, daß ich tot bin. Brauch sie mich denn etwa noch, so wie ich jetzt bin? Wer braucht denn einen Invaliden der auf andere angewiesen ist?! Nein! Nein! Ich werde ihr das Leben nicht             kaputt machen. Was soll sie mit mir?! Ich würde ihr nur noch eine Last mehr sein! Ohne mich kann sie ein neues Leben beginnen, sie kann wieder heiraten und glücklich werden. Ich würde ihr nur alles verderben. Ich ziehe in ein Invalidenhaus.

            Sprecher:         Abgesehen von einigen Niederlagen, ließ Peter sich in dieser Nachkriegszeit nicht fallen. Er bemühte sich unter Kontrolle zu behalten, bekam eine gute Behindertenrente und sparte sie, um Natalia zur richtigen Zeit bei Swetlanas Erziehung zu helfen. Mehr als zwei Jahre waren nach dem Kriegsende vergangen. Peter lernte auf einem kleinen Wagen zu fahren, der einen Rollstuhl ersetzte. Schließlich brachte er genug Kraft auf, sein Heimatdorf zu besuchen um Natalia und Swetlana zu sehen. Um nicht erkannt zu werden, ließ er sich einen Bart wachsen. Im Dorf angekommen sah er all die bekannten Gesichter. Vieles hatte sich während seiner Abwesenheit verändert, doch fand er noch recht gut zu der Pferdehaltung im Dorf. Dort bat er bei einem wohlbekannten Mann um Hilfe.

            Peter:   Könnten Sie mir vielleicht die Droschke leihen?

            Mann:  Wie sollte ich einem Fremden eine Droschke leihen? Wer garantiert mir denn, daß Sie die Droschke auch zurückbringen?

            Peter:   Bitte! Sehen Sie doch! Ich habe keine Füße. Ich verspreche Ihnen die Droschke heute noch zurückzubringen.

            Mann:  Mein Herr, was bilden Sie sich eigentlich ein?! Wie kann ich denn …

            Peter:   Bitte!

            Mann:  Naja, bei Ihnen ist das etwas anderes. Unter den Umständen … Ach, fahren Sie! Aber heute Abend steht die Droschke wieder auf dem Hof!

            Peter:   Vielen Dank, das vergesse ich Ihnen nie! (geht ein Stück,bleibt stehen) Da, ist ja schon unser Haus. Wie sehr sich nur alles verändert hat. Die Bäume sind mächtig gewachen. Ja, damals, damals sah ich ein herrliches Leben vor mir, und jetzt! Da, das, das ist doch Natalia! Endlich, endlich, nach so langer Zeit, sie ist immer noch die selbe. Wie sorgfältig sie den Garten bearbeitet. Und ich, ich elender Invalide, sitze auf der Droschke und kann ihr nicht mal helfen. Ach, das muß Swetlana sein. Ja, sie ist mir wirklich sehr ähnlich. Wie gerne würde ich zu ihnen kommen, doch wie sollte ich als Vater meinen Pflichten nachkommen? Ich wäre der Familie ein Schatten, ein Klotz am Bein! Oh wie gerne würde ich meine kleine Swetlana umarmen, küssen und an die Brust drücken. Doch – nein, ich darf mir das nicht erlauben. Ich müßte sonst bleiben und würde Natalia und Swetlana das ganze Leben verderben. Ohne mich aber kann Natalia wieder eine neue Familie gründen und glücklich werden.

            Sprecher:         Peter bückte sich und weinte. Sein Herz schien vor Leid zu zerreißen. Da fiel ihm der Hut auf den Boden. Gleich kam Swetlana gelaufen und reichte ihm den Hut. Sie sah sehr aufmerksam in die verweinten Augen..

            Swetlana:         Onkel, warum weinst du? Tut dir etwas weh?

            Sprecher:         Peter sah auf seine Tochter, tränen liefen ihm über die Wangen. Ein schweres Stöhnen kam aus seiner Brust.

            Swetlana:         (laut) Mama, Mama, komm schnell. Dem Onkel ist schlecht, er weint!

            Sprecher:         Schnell griff Peter zur Peitsche, und schon rasten die Pferde davon. Was blieb, war eine Staubwolke und die Hufschläge die in weiter Entfernung ausklangen. Als Natalia Swetlana abends schlafen legte, flüsterte diese:

Swetlana:         Mama, mir tut der Onkel so leid. Mama, warum weinte er? Warum hatte er nur keine Füße? Er weinte nur weil es ihm schlecht ging, Mama, nicht wahr?

Natalia:            Ja Swetlana, der Krieg hat viel Leid angerichtet. So fährt dieser Mann durch die Welt und hat wahrscheinlich kein Haus – keine Familie. Aber unser Papa ist im Krieg gefallen, das ist noch schlimmer.

Sprecher:         Natalia beruhigte Swetlana, bis diese schließlich einschlief. Sie selbst holte aber Peters Frontbriefe hervor. Natalia bewahrte sie immer noch sorgsam auf. Schon oft hatte sie alle Briefe gelesen und durchdacht, und nun tat sie es wieder. So verging eine schlaflose Nacht.

Natalia:            Warum hat der bartige Invalide nur geweint, und warum ist er so schnell weggefahren als ich kam? Warum schaute er mir überhaupt bei meiner Arbeit zu?

Sprecher:         Die täglichen Sorgen verdrängten die Erinnerungen an den bartigen Invaliden. Eines hielt Natalia heilig, dies war die Treue zu Peter. Sie erlaubte es sich nie, erst daran zu denken, daß man jemanden im Leben so lieben könnte wie sie Peter liebte. Aus dem Grunde heiratete sie auch trotz der vielen Heiratsanträge nicht. Der Herbst zog ins Land, so wurde auch Swetlanas Geburtstag gefeiert. Doch das Erscheinen des Briefträgers unterbrach dieses freudige Fest. Es war der selbe Briefträger der die Todesnachricht des Vaters brachte. Er überreichte eine Überweisung von 100 Rubeln. Natalia wunderte sich sehr denn sie hatte, in der Stadt des Absenders weder Verwandte, noch Bekannte. Von dieser Zeit an brachte der Briefträger jeden Monat fast am gleichen Tag 100 Rubel.

Natalia:            Ist das Geld etwa von Peter? Lebt er also noch? War er vielleicht der bärtige Invalide, der mir bei der Arbeit zusah? (blättert in den Unterlagen) Alle Absender sind verschieden, wie soll ich ihn bloß finden?

Sprecher:         Viele Kriegswunden waren schon verheilt, die Fabriken waren in Stand gesetzt und man lebte zu Hause. Doch im Herzen Natalias waren die Wunden immer noch nicht heil. Schließlich nahm sie die Unterlagen und fuhr zur Redaktion der zentralen Zeitung. Enttäuscht kam sie nach Hause.

Natalia:            Was sagte er? Er könnte mir nicht viel versprechen? Und wer wüßte wo Peter, falls er wirklich leben sollte, untergetaucht sei. Falls er wirklich leben sollte… Peter lebt, ich glaube es fest, er lebt. Doch der Mann hat recht, ich verstehe auch nicht wieso Peter nicht zurückkommt. Doch trotzdem glaube ich, daß Peter lebt.

Sprecher:         Es war nicht leicht den vielfach ausgezeichneten Major zu finden, da er nun zum Schuhputzer auf dem Bahnhof wurde. Er wählte diesen Beruf um ständig mit den Weitreisenden in Verbindung zu bleiben.

Peter:   Wird dieser Herr wohl mitleid mit mir haben? Gleich habe ich ihm die Schuhe geputzt. Kann ich ihm die 100 Rubel für Natalia wohl anvertrauen?. Ich versuche es.

Sprecher:         Peter erzählte, dachdem er sich überzeugte, daß sein Kunde ehrlich war, seine ganze Geschichte, und bat, das Geld mit falscher Rückadresse an Natalia zu überweisen.

Peter:   So, bald hat das Geld wieder seinen Zweck erfüllt. Natalia wird sich darauf freuen. Ach wie gerne würde ich sie noch einmal sehen. Doch ich darf mir nicht noch so einen Fehler erlauben. Ich würde ihr das ganze Leben verderben. Nein, ich muß diesen Gedanken der Rückkehr endgültig aufgeben.

Sprecher:.        Das zuständige Ministerium zerbrach sich den Kopf,diesen Major zu finden. Es vergingen fünf Monate verstärkter Suche, bis sie ihn schließlich doch fanden. Man rasierte ihm den Bart ab und brachte ihn nach Hause. Zu Hause hatten sich wieder die Kinder versammelt um Swetlanas siebten Geburtstag zu feiern. Die Tür ging weit auf, da hörte man das laute Rollen des Wagens, mit dem Peter sich nun fortbewegte. Jetzt stand vor Natalia ihr geliebter und lang erwarteter Peter dem sie treu geblieben ist. Swetlana umarmte ihren Vater, und es ist wohl überflüssig zu erwähnen daß er der teuerste Gast und das teuerste Geschenk auf Swetlanas Geburtstag war.

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