Schulderlass
“So tat ich Dir kund meine Sünde, und deckte meine Schuld nicht zu. Ich sagte: ‘Ich will dem Herrn meine Übertretungen bekennen’, und Du, Du hast vergeben die Schuld meiner Sünde. Deshalb soll jeder Fromme zu Dir beten, zur Zeit, da Du zu finden bist.” Psalm 32,5.6
1.Auftritt:
(Longlin kommt aufgeregt auf den Marktplatz, wo eine Gruppe von Männern steht: Schmied, Lehrer, Amond, Bauer)
Longlin: Wißt ihr schon das Neuste? Graf Mac Canney will jedem seine Schulden erlassen!
Schmied: Ach was, wo hast du dieses Märchen her, Longlin?
Longlin: Doch, doch, glaub mir, eben war ein Reiter am Rathaus, der uns die offizielle Botschaft des Grafen mitteilte. An einem bestimmten Tag soll jeder seinen Schuldschein zu ihm bringen, und er wird sie alle begleichen! Der Bote kommt bestimmt auch hier gleich vorbei!
Lehrer: Seht, da kommt jemand!
(ein Mann befestigt einen Zettel an der Wand und geht wieder)
Amond: Jetzt bin ich aber gespannt. Wenn das wirklich wahr ist….
Longlin: Seht ihr: (liest die Nachricht vor)
Wichtige Mitteilung!
An alle Bewohner des Dorfes Stonewall
Anläßlich meines fünfzigsten Geburtstages bin ich bereit, jedem Einwohner von Stonewall seine Schulden zu erlassen. Bedingung ist, daß jeder Schuldner persönlich in mein Amtszimmer ins Schloß kommt und seine Schuldscheine mitbringt.
Am 2.April
vormittags zwischen 10 und 12 Uhr
darf jeder ohne Anmeldung kommen.
Ich garantiere, daß jede Schuld erlassen wird, in beliebiger Höhe.
Voraussetzung ist, daß die Frist eingehalten wird.
Graf Mac Canney
Sprecher 1: Man schreibt das Jahr 1911. In dem schottischen Dorf Stonewall herrscht helle Aufregung. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht von dem einmaligen Angebot. Die Menschen sind geteilter Meinung.
Schmied: Mir ist die ganze Sache nicht geheuer. Ich glaube nicht, daß der Graf so etwas wirklich macht. Er ist uns schon gut gesonnen, das muß man zugeben, aber wieso sollte er uns alle Schulden erlassen? Davon hat er doch überhaupt nichts!
Lehrer: Das stimmt. Viel vernünftiger wäre es, wenn er gesagt hätte, wir sollten unsere Schulden in der nächsten Zeit abarbeiten. Er hätte ja ein Angebot machen können, daß jeder ein Jahr lang täglich nach der Arbeit noch für ihn auf seinen Feldern arbeitet, und dann könnte er ihm die Schulden erlassen.
Bauer: Außerdem ist das ungerecht. Ich habe ja gar nicht so viele Schulden. Ich käme auch gut allein zurecht. Irgendwann arbeite ich sie ab.
Aber der arme Schuhflicker am Ende des Dorfes, was meint ihr, wie hoch der verschuldet ist! Ist ja auch selber schuld, wenn er sein ganzes Geld in der Kneipe verschleudert. Und der soll jetzt plötzlich auch schuldenfrei sein, so wie unsereins, der sich redlich das Geld verdient.
Das ist ungerecht.
Amond: Seht mal, da kommt der Kaufmann. Der ist aber fröhlich heute.
(junger Kaufmann tritt herzu)
Kaufmann: (fröhlich) Was steht ihr hier und schwätzt? Auf, auf, nutzt die Zeit! Kauft euch Felder, Häuser, Pferde! Macht Schulden, so viel ihr könnt!
In drei Tagen wird euch sowieso alles bezahlt!
Bauer: He, Bursche, so ist das Angebot sicher nicht gemeint. Das ist unverschämt, was du da sagst. Du willst….
Kaufmann: (zuckt die Achseln) Unverschämt oder nicht, der Graf bezahlt alles. Er hat ja genug Geld. Diese Gelegenheit lasse ich mir nicht entgehen.
Macht’s gut, Leute, ich nutze die Zeit besser!
Amond: So was freches. Habt ihr da noch Worte! Der kauft sich jetzt ein schönes Haus und die besten Pferde und macht sich ein schönes Leben!
Schmied: Damit muß der Graf doch gerechnet haben, daß es solche Leute gibt! Der ist doch auch nicht dumm. Ist doch klar, daß jeder noch mehr Schulden macht, wenn er sie ohnehin nicht bezahlen muß!
Ich glaube, das ist alles nur ein übler Scherz.
Lehrer: Ich kenne den Grafen schon viele Jahre. Er würde so etwas nie machen. Er war immer sehr um Gerechtigkeit bemüht. Jemand muß sich einen Streich erlaubt haben.
Amond: Was heißt Gerechtigkeit. Er ist doch gerecht, wenn er jedem die Schulden erläßt. Würde das Angebot nur für einige gelten, so könnte man ihm Ungerechtigkeit vorwerfen. Aber so ist es doch in Ordnung.
Lehrer: Du hast wohl besonders viele Schulden, wie? Nein. Wenn dieses Angebot gilt, dann ist es völlig ungerecht. Aber ich glaube ja nicht, daß es vom Grafen stammt.
Amond: Kommt, wir sehen uns mal den Zettel genauer an. Man muß doch erkennen können, ob er echt ist oder gefälscht.
Bauer: Ja, gute Idee.
Schmied: Ich komme auch mit.
(gehen weg)
Musik
2.Auftritt
(Schmied, Lehrer, Amond und Bauer gehen zum Zettel; eine alte Frau steht davor)
Oma: Könnt ihr mir bitte vorlesen, was hier steht?
Ich kann selber ohne Brille nicht lesen, meine Augen sind so schwach!
Amond: (liest die Nachricht noch einmal vor)
Oma: Alle Schulden erlassen! Oh, wie schön. Und gerade jetzt, wo ich am Ende bin. Nächste Woche wollte mein Hausbesitzer mich aus der Wohnung jagen, wenn ich nicht endlich die Miete bezahle. Dabei habe ich keinen Pfennig! Ich wußte nicht aus noch ein. Doch jetzt wird alles gut.
Schmied: Wir wollen Ihnen ja den Glauben nicht nehmen, gute Frau, aber Sie sollten doch nicht so naiv sein. Glauben sie wirklich, daß diese Bekanntmachung vom Grafen veranlaßt wurde?
Oma: Oh, sagen Sie doch nicht so etwas. Ich glaube alles, was hier steht. Kommt, wir müssen es allen sagen! Jeder soll die frohe Botschaft hören!
Bauer: Alles Unsinn.
Amond: Laßt sie doch! (zu der Frau gewandt) Gehen Sie zum Schloß am 2.April, und lassen Sie sich nicht beeindrucken.
Schmied: Du glaubst es also auch schon! Ich hätte dir eigentlich mehr Vernunft zugetraut, Amond.
(Oma geht)
Amond: (untersucht den Zettel) Das Papier sieht echt aus. Es ist das gleiche, wie es der Graf auch sonst für seine Briefe verwendet.
Lehrer: Aber der Stil, sieh dir nur den Satzbau an! So schreibt doch kein Adliger! Und erst recht nicht Mac Canney. Hier stehen ja ganz einfache Sätze, wie von einem Straßenfeger. Das hat bestimmt nicht der Graf verfaßt.
Amond: Die Unterschrift ist auch echt. Er hat das Blatt eigenhändig unterschrieben!
Schmied: Ach, es ist doch gar kein Problem, die Unterschrift zu fälschen. Nichts leichter als das. Ich glaube auch nicht, daß das mit dem Geburtstag stimmt. Hieß es nicht mal, der hätte im Februar Geburtstag?
Amond: Das können wir leicht herausfinden. Ich werde den Metzger fragen, der muß ja an Feiertagen immer das Fleisch für die Festtafel liefern. Er weiß es bestimmt, wann Mac Canney Geburtstag hat.
(alle gehen weg)
3.Auftritt
(Oma steht allein, Junge kommt vorbei)
Oma: Junge, weißt du es schon? In 3 Tagen wird der Graf alle Schulden bezahlen, die wir haben.
Junge: Das find ich gut! Ich habe bei meinen Eltern 50 Pence geliehen, für einen Ball. Dann kann ich die endlich zurückzahlen.
Wo muß ich denn hingehen?
Oma: Am 2.April mußt du zwischen 10 und 12 Uhr ins Schloß kommen. Wir können auch zusammen hingehen.
Junge: O ja, danke. Danke, Oma!
(Junge geht, 2 Frauen kommen)
Oma: Wissen Sie es schon? In 3 Tagen wird der Graf alle unsere Schulden bezahlen!
1.Frau: Natürlich weiß ich das schon längst. Ich bin doch nicht von vorgestern. Wer weiß, ob das stimmt. Mein Mann glaubt, daß es nur ein böser Streich ist.
2.Frau: Meine Nachbarin hat erzählt, der Mann, der das Blatt am Marktplatz aufgehängt hat, hat dabei gelächelt. Zumindest einen Augenblick lang hat es so ausgesehen.
1.Frau: Ich bin auch der Meinung, man soll sein Geld lieber ehrlich verdienen, als auf so ein Angebot eingehen. Sonst hätten wir ja plötzlich gar keine Armen mehr im Dorf!
Oma: Nein nein, ich glaube, daß der Graf nicht lügt. Ich werde hingehen mit all meinen Schuldscheinen.
(alle gehen weg)
Musik
4.Auftritt
(Amond geht zum Metzger)
Amond: Hallo, Metzger. Hör mal, wann hat der Graf Geburtstag? Du mußt es doch wissen, du bist doch sein Fleischlieferant.
Metzger: Wegen dem Schuldenerlaß, meinst du? Du bist nicht der einzige, der mich danach gefragt hat. Es stimmt tatsächlich. Am 2.April hat er Geburtstag, also übermorgen.
Unsere Vorbereitungen laufen schon auf Hochtouren, er hat zu seinem 50. die ganze Adelsfamilien eingeladen, von weit und breit.
Amond: Du meinst also, das Angebot ist echt?
Metzger (zuckt die Achseln) Auch andere Leute wissen, wann er Geburtstag hat. Es könnte auch ein gut ausgeklügelter Streich sein.
Aber entschuldige mich, ich muß jetzt an die Arbeit.
Amond: Danke für die Auskunft. (Metzger geht)
Wem soll man jetzt glauben?
Logisch ist das ganze ja nicht. Aber wenn es doch stimmt? Ich würde mich mein Leben lang beschuldigen, wenn ich nicht hingehe.
Niemand weiß, wie groß meine Schulden sind. Ich werde sie nie abzahlen können. Dies ist meine einzige Rettung.
Aber was wird der Graf denken, wenn er von meiner Vergangenheit erfährt? 10 Millionen habe ich unterschlagen. So viel wird er mir bestimmt nicht erlassen. Das kann ich auch gar nicht verlangen.
Aber vielleicht einen Teil?
(macht eine Pause, dann fest entschlossen:)
Ich werde es wagen. Es ist meine letzte Chance.
Musik
5.Auftritt
Sprecher 1: 2.April 1911 es ist 11.00 Uhr
Die Straßen sind wie leergefegt. Im Wartezimmer vor dem Büro des Grafen sitzen die Menschen nun schon eine ganze Stunde. Keiner hat es bisher gewagt, ins Büro von Graf Mac Canney einzutreten.
Neuerdings hatte sich das Gerücht verbreitet, der Graf sei verreist, um seinen Geburtstag in aller Ruhe auf einem seiner Landsitze zu feiern. Andere sagten, er habe den Verstand verloren.
Im Wartezimmer herrscht eine gespannte Atmosphäre.
(Longlin, Lehrer, Bauer, Amond und die beiden Frauen sitzen im Wartezimmer)
Lehrer: Wo ist eigentlich der Schmied? Wollte er nicht auch kommen?
Bauer: Er sagt, er traue der ganzen Sache nicht. Wir sind dumm, wenn wir hingehen, sagt er. Es sei eine Falle, mit der uns der Graf alle noch mehr von sich abhängig machen wolle.
Lehrer: Vielleicht hat er recht. Aber wenn wir hier sitzen bleiben, ist uns auch nicht geholfen. Na los, geht doch mal endlich einer rein!
(zu der 1.Frau) Gehen Sie doch! und dann sagen Sie uns, ob es stimmt.
1.Frau: Ich? Wieso soll ich als erste gehen? So viele Schulden haben wir gar nicht. Das sieht ja gerade so aus, als ob ich es am nötigsten hätte. Ich bin überhaupt nur hier, um mir die ganze Sache anzusehen.
Bauer: Ich gehe auch gleich wieder weg.
Ich werde selber mit meinem Leben zurechtkommen. Ich habe zwar auch ein wenig Schulden, doch werde ich sie nach und nach abzahlen. Ich brauche keinen, der mir die Schuld erläßt. Ich werde es schon alleine schaffen.
Longlin: Aber bedenke doch mal, wieso willst du dich dein Leben lang abmühen? Am Ende schaffst du es doch nicht, das Geld wird immer knapper. Wenn die Ernte im nächsten Jahr wieder so schlecht ausfällt, mußt du noch mehr Schulden machen, um deine Familie zu ernähren.
Und wenn du stirbst, hinterläßt du den Kindern statt eines Erbes einen Haufen Schuldscheine.
Bauer: Ach was, ich brauche keine Hilfe. Ich gehe jetzt. Ich werde mein Geld gerecht verdienen.
(er geht)
Lehrer: Wo ist eigentlich der junge Kaufmann? Er hat sich ja mächtig angestrengt in den letzten Tagen, der Gauner. Alles, was ihm in die Finger kam, hat er aufgekauft. Ich möchte nicht wissen, wieviel Schulden er jetzt hat. Wenn er nicht bald kommt, ist er verloren!
2.Frau: Ja, unseren Stall wollte er auch kaufen. Ohne Bargeld, natürlich. Alles auf Schuldschein. Aus der Gnade des Grafen schlägt er Profit. Ich wußte nicht, daß er so ein niederträchtiger Bursche ist. Heute morgen sah ich, wie er noch zum Pferdehändler ging, um sich neue Pferde zu besorgen.
Sprecher 1: Die Uhr geht auf 11.30
(die Oma kommt herein mit dem Jungen)
Oma: Oh, ihr wartet schon alle! Hoffentlich kommen wir noch bis 12 Uhr an die Reihe! Ist gerade jemand drin?
Lehrer. Nein, es war noch niemand drin. Einige sind schon wieder weggegangen. Wahrscheinlich stimmt es gar nicht, was in dem Brief stand.
Aber gehen Sie ruhig. Und dann sagen Sie uns Bescheid. Aber schnell, sonst kommen wir nicht mehr alle dran!
Sprecher 1: Die Oma und der Junge gehen rein. Die Uhr geht auf 11.55
2.Frau: Wo bleibt sie nur so lange ? Das müßte doch schnell erledigt sein!
Oder es war wirklich nur ein übler Trick, und alles wird nur noch schlimmer.
Amond: Warum geht denn nicht noch jemand! In so einer ernsten Angelegenheit braucht sich doch niemand zu schämen! Ich gehe gleich auch selber, wenn keiner geht.
Sprecher 1: Der Zeiger rückt auf 12 Uhr; der junge Kaufmann stürmt herein und rüttelt an der Tür. Eine dicke Brieftasche hat er in der Hand. Aber die Tür ist zu.
Kaufmann: Machen Sie auf! Mein Pferd ist unterwegs zusammengebrochen! Ich bin den ganzen Weg zu Fuß gelaufen. Machen Sie bitte auf!
(zum Publikum) Ich elender Mensch. Nie werde ich die Schulden selbst bezahlen können. Mein Leben lang bleibe ich ein Sklave meiner Gläubiger. Meine ganze Familie habe ich ruiniert!
Wäre ich doch früher gekommen!
Hätte ich mich doch rechtzeitig bemüht!
(rüttelt an der Tür)
Lied: Zu spät
Sprecher 1: Es wird erzählt, daß sich diese Begebenheit tatsächlich zugetragen hat. Graf Mac Canney war ein an Jesus Christus gläubiger Mann und wollte seine Untertanen mit seinem Angebot auf die Gnade Gottes aufmerksam machen. Nur ein altes Ehepaar wagte es, ins Büro des Grafen Mac Canney hineinzugehen. Ihre Schulden wurden bezahlt, die Schuldscheine zerrissen. Als sie zu den anderen gehen wollten, um ihnen zu sagen, daß das Angebot wirklich galt, sagte Mac Canney: “Bleiben Sie noch hier bis 12 Uhr. Ich möchte sehen, ob die Leute mir Vertrauen werden. Nur wer seine Schuld zugibt, dem soll sie auch erlassen werden.”
Sprecher 2: Alle hätten ihre Schulden los werden können. Doch nur 2 sind gekommen.
Einige zweifelten. Andere waren zu stolz. Aber jeder, der kam, durfte ein neues, schuldenfreies Leben beginnen.